Fachbereich Zahnmedizin

Ernährungsmedizin in der Zahnmedizin

Wie stark parodontales Gewebe auf Gesundheit reagiert, hängt auch von der Ernährung des Patienten ab. Die Studienlage dazu ist in den letzten Jahren deutlich belastbarer geworden.

Diese Seite fasst zusammen, was dazu vorliegt: die Mechanismen, die untersuchten Phytonährstoffe und die Frage, wie sich das in einen bestehenden Prophylaxe-/Theraapie-Ablauf einfügt.

Parodontitis

Die Zahlen hinter der Diagnose

der Bevölkerung zeigen gingivale Entzündungszeichen
~ 0 %

EIU & EFP

Parodontitisprävalenz bei jüngeren Erwachsenen oder bei 35- bis 44-Jährigen in Deutschland, Stadien 1 bis 4
0 %

 DMS VI

schwere Parodontitis bei diesen zuvor genannten jüngeren Erwachsenen, Stadien 3 oder 4
0 %

DMS VI

Parodontitisprävalenz bei jüngeren Senioren oder bei 65- bis 74-Jährigen in Deutschland, Stadien 1 bis 4
0 %

DMS VI

schwere Parodontitis bei diesen zuvor genannten jüngeren Senioren, Stadien 3 oder 4
0 %

DMS VI

Pathophysiologie

Von der Zahnfleischtasche in den Kreislauf

Im entzündeten Parodont werden neutrophile Granulozyten, Makrophagen und Th17-Zellen aktiviert. Sie setzen proinflammatorische Zytokine frei, vor allem IL-1β, IL-6 und TNF-α. Gleichzeitig gelangen bakterielle Produkte und Endotoxine aus dem Sulkus in die Blutbahn. Die Folgen sind messbar. Die Akutphaseantwort steigt, CRP und Serum-Amyloid A erhöhen sich, die vaskuläre Funktion verschlechtert sich. 

Bedingt durch diese Entzündungsprozesse ist das Spektrum der assoziierten Erkrankungen entsprechend breit: Atherosklerose und Myokardinfarkt, Diabetes mellitus Typ 2, rheumatoide Arthritis, neurodegenerative Erkrankungen. Bei Leistungssportlern kommt hinzu, dass alltägliche Belastungen bei bestehender Parodontitis deutlich häufiger zu Bakteriämien führen.

Was daraus folgt

Die Datenlage beschreibt Parodontitis damit als chronische Entzündungserkrankung mit systemischer Komponente. Für die Behandlung dieser Entzündung ergibt sich daraus die Frage, welche Rolle die Ernährung neben den gewohnten Therapiemöglichkeiten spielen kann.

Quintessenz Zahnmedizin 06/2025

Entzündungskaskade

  1. 01

    Parodont — lokal

    Th17MakrophagenIL-1βIL-6TNF-α
  2. 02

    Blutbahn

    EndotoxineBakteriämieCRP ↑SAA ↑
  3. 03

    Systemische Zielorgane

    Gefäße
    Atherosklerose, Myokardinfarkt
    Stoffwechsel
    Diabetes mellitus Typ 2
    Gelenke, ZNS
    RA, Neurodegeneration

Targeted Nutrition

Einfluss spezifischer phytogener Ernährung

Jede Praxis kennt diese Fälle: vergleichbarer Befund, vergleichbare Mundhygiene, völlig unterschiedlicher Verlauf. Das könnte sich unter anderem in der unterschiedlichen Ernährungsweise begründen.

Widén und Kollegen haben das 2015 ungewöhnlich anschaulich gezeigt. Der tägliche Verzehr von Heidelbeeren reduzierte die Zahnfleischblutung bei Gingivitis-Patienten signifikant, unabhängig von der täglichen Mundhygiene. Die Reduktion übertraf in dieser Untersuchung sogar den Effekt einer professionellen Zahnreinigung.

Wirkmechanismen

Vier Phytonährstoffe, vier Ansatzpunkte

Sekundäre Pflanzenstoffe greifen an unterschiedlichen Stellen der Entzündungskaskade an. Für die Parodontologie sind vier davon gut untersucht.

Curcumin

Ansatzpunkt: NF-κB-Signalweg

Curcumin hemmt NF-kB und unterdrückt so die für Parodontitis verantwortlichen entzündungsfördernden Zytokine TNF-a und IL-6. In klinischen Untersuchungen zeigten sich Verbesserungen bei Sondierungstiefen, Plaque- und Blutungsindex sowie eine antibakterielle Wirkung gegen P. gingivalis und T. denticola. Shakibaei und Kollegen konnten zudem einen protektiven Effekt auf Binde- und Knorpelgewebe gegenüber IL-1β-induzierter Degeneration zeigen.

Roßberg 2025

Anthocyane

Ansatzpunkt: COX/LOX, orales Mikrobiom

Die Farbstoffe aus z.B. Heidelbeeren und schwarzen Johannisbeeren neutralisieren freie Radikale, blockieren COX- und LOX-Enzyme und senken oxidativen Stress. Beschrieben ist außerdem eine Reduktion parodontitis-assoziierter Keime wie P. gingivalis und A. actinomycetemcomitans sowie eine Förderung der Wundheilung.

Roßberg 2025

Boswellia

Ansatzpunkt: 5-Lipoxygenase

Boswelliasäuren hemmen die 5-LOX und blockieren die Bildung von Prostaglandin E2, einen Weg, den klassische COX-Hemmer nicht erfassen. Antibakterielle Effekte sind für Streptococcus mutans und Fusobacterium nucleatum beschrieben, dazu eine Unterstützung der Geweberegeneration.

Roßberg 2025

Bromelain

Ansatzpunkt: Proteolyse, Mikrozirkulation

Das Enzymgemisch aus der Ananas baut entzündliche Ablagerungen proteolytisch ab, verbessert die Mikrozirkulation und wirkt antithrombotisch. Über die Hemmung von Bradykinin kommt eine schmerzlindernde Komponente hinzu.

Roßberg 2025

Alle vier Substanzen greifen adjuvant an, parallel zur parodontalen Therapie.
Außerdem eignen sich diese sehr gut für ein zahnärztliches Prophylaxe-Protokoll. Nähere Informationen können Sie dem Artikel von Matthias Roßberg „Ganzheitliche Mundgesundheit“ der sportärztezeitung entnehmen.

Metaflammation

Parodontitis und Stoffwechselerkrankungen teilen sich eine Ursache

Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 und kardiovaskuläre Erkrankungen entstehen im Zusammenhang einer Metaflammation. Der Begriff beschreibt eine chronisch niedriggradige systemische Entzündung, die aus Stoffwechselveränderungen hervorgeht. Ungünstige Ernährung, Bewegungsmangel und viszerale Adipositas sind die wesentlichen Treiber.

Parodontitis gehört in dieselbe Pathophysiologie. Das erklärt die bidirektionalen Zusammenhänge zu Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Beide Bilder sind Manifestationen desselben Grundgeschehens.

Für die Intervention ist das eine Entlastung. Eine antientzündliche Ernährung, die reich an (löslichen) Ballaststoffen und Mikronährstoffen sowie niederglykämisch ist, wirkt auf beiden Seiten gleichzeitig. Studien zeigen unter solchen Ernährungsformen Verbesserungen parodontaler Parameter ebenso wie systemischer Entzündungsmarker. Trinkmahlzeiten wie die von INSUMED bilden diese Ernährungsform ab und bieten damit eine einfache und effektive Möglichkeit.

Quintessenz Zahnmedizin 06/2025

Gemeinsamer Nenner

Meta­flammation

Parodontitis
Diabetes Typ 2
Kardiovaskulär
Adipositas

Mögliche Umsetzung

Messen, beraten, handeln in der Zahnarztpraxis

Messen

Die Bioelektrische Impedanzanalyse macht sichtbar, was der Blick in den Mund nicht zeigt: Körperzusammensetzung, Zellgesundheit, Entzündungslage. Für die Parodontologie ist besonders der Phasenwinkel interessant, weil er als Marker für Zellintegrität und Ernährungszustand gilt. Die Messung dauert wenige Minuten und läuft im Prophylaxe-Termin mit.

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Beraten

Aus der Messung entsteht eine Auswertung, die dem Patienten seinen eigenen Status zeigt. Erfahrungsgemäß wird das Ernährungsgespräch erst an diesem Punkt anschlussfähig, weil es an einem persönlichen Befund hängt statt an einer allgemeinen Empfehlung.

Handeln

Für den Einstieg braucht es etwas, das im Alltag des Patienten funktioniert. Bilanzierte Trinkmahlzeiten erfüllen die genannten Kriterien: mikronährstoffreich, niederglykämisch, mit definierter Proteinzufuhr. Sie senken die Einstiegshürde. Die Essgewohnheiten werden parallel dazu angepasst.

Der zahnärztliche Rahmen bleibt gewahrt: Es geht um Erkennen, Ansprechen und Ergänzen. Wer weitergehen will, qualifiziert das eigene Team. 

Für eine individuelle Umsetzung in Ihrer Praxis fordern Sie ein Erstgespräch an. 

Praxisnutzen

Was das für Ihre Praxis bedeutet

Ein Prophylaxe-Angebot mit Unterscheidungsmerkmal

Ernährungsscreening und BIA sind in der zahnärztlichen Prophylaxe die Ausnahme. Wer sie anbietet, hat im lokalen Umfeld ein Argument, das sonst kaum jemand führt.

Recall mit Inhalt

Ein Recall-Termin, bei dem sich messbar etwas verändert hat, wirkt anders als eine reine Terminerinnerung. Das schlägt sich in der Wiederkehrquote nieder.

Ein zusätzliches Selbstzahlerangebot

Die Leistung lässt sich außerhalb des Kassenkatalogs abbilden und erschließt einen bisher unbedienten Bereich.

Interdisziplinäre Anschlussfähigkeit

Die Parodontitis-Kardio-Diabetes-Achse ist ein belastbarer Anlass für den Austausch mit Hausärzten, Internisten und Kardiologen im Umfeld, in beide Richtungen.

Fragen & Antworten

Häufige Fragen

Ja. Ernährungsberatung im Sinne von Prävention und Aufklärung ist keine geschützte Tätigkeit und gehört zum zahnärztlichen Präventionsauftrag. Für die strukturierte Umsetzung empfiehlt sich eine Qualifikation des Prophylaxe-Teams. Von einer Ernährungstherapie bei manifesten Erkrankungen ist das abzugrenzen; hier gehört die Abstimmung mit dem behandelnden Arzt dazu.

Die BIA-Messung dauert wenige Minuten und läuft im Prophylaxe-Termin mit. Das Auswertungsgespräch benötigt etwa zehn bis fünfzehn Minuten und wird in der Regel vom Prophylaxe-Team geführt, nicht vom Behandler.

Nein. Instrumentierung und Biofilmmanagement bleiben die Grundlage der Behandlung. Phytonährstoffe wirken auf die Entzündungsbereitschaft des Gewebes und ergänzen die mechanische Therapie, sie treten nicht an deren Stelle.

Der Zusammenhang ist über mehrere Mechanismen belegt: erhöhte Bakteriämie-Raten, Anstieg von CRP und Fibrinogen mit signifikantem Rückgang nach parodontaler Therapie sowie messbar erhöhte Pulswellengeschwindigkeit als Marker der Gefäßalterung.

Für Patienten mit rezidivierender Parodontitis trotz regelmäßiger Prophylaxe, für Diabetiker, für Patienten mit metabolischem Syndrom sowie für ältere Patienten mit Verdacht auf unzureichende Proteinversorgung. Bei Leistungssportlern kommt die erhöhte Bakteriämie-Belastung hinzu.

Nein. Das Konzept funktioniert auch als reines Screening- und Beratungsangebot mit Weiterleitung. Ob und in welchem Umfang Produkte in der Praxis abgegeben werden, entscheidet die Praxis selbst.

Erstgespräch

Prüfen Sie, ob das zu Ihrer Praxis passt

Im Erstgespräch klären wir, wie sich Ernährungsscreening und BIA in Ihren Prophylaxe-Ablauf einfügen, welche Qualifikation Ihr Team dafür braucht und mit welchem Aufwand Sie rechnen müssen. Das Gespräch ist unverbindlich.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Roßberg M.: Ganzheitliche Mundgesundheit. sportärztezeitung
  • Roßberg M.: Ernährungszahnmedizin & Prophylaxe. sportärztezeitung
  • Roßberg M., Wölber J.: Zahnmedizin / Sportzahnmedizin – Bedeutung für Sportler. sportärztezeitung
  • Widén C. et al. (2015): Einfluss von Heidelbeeren auf gingivale Entzündungsparameter
  • Forouzanfar F. et al. (2020): Übersichtsarbeit zu Curcumin in der Zahnmedizin
  • Shakibaei M. et al.: Arbeiten zur NF-κB-Hemmung durch Curcumin
  • Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V)
  • Quintessenz Zahnmedizin, Ausgabe 06/2025
  • Economist Intelligence Unit (EIU) & European Federation of Periodontology (EFP). Time to take gum disease seriously: The societal and economic impact of periodontitis. London/Brussels; 2021

Stand und fachliche Prüfung: Zuletzt aktualisiert am 29.09.2026. Die Inhalte richten sich an medizinische Fachkreise und ersetzen keine eigenständige fachliche Bewertung im Einzelfall.